McLaren F1 GTR: 30 Millionen für einen Unfallwagen
Die Beschreibung „Unfallwagen aus erster Hand“ gilt im Allgemeinen nicht unbedingt als verkaufsfördernd. Bei einem McLaren F1 GTR gelten da andere Regeln. Vor allem dann, wenn der einzige private Besitzer Nick Mason heißt, der Wagen direkt von McLaren kommt und ein ausgewiesener Experte für die Reparaturen zuständig war.
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Am 15. August 2026 versteigert RM Sotheby’s in Monterey den McLaren F1 GTR mit der Chassisnummer 10R. Das Auktionshaus nennt keinen klassischen Schätzpreis, sondern einen Wert von mehr als 35 Millionen US-Dollar. Umgerechnet sind das über 30,5 Millionen Euro oder 28,5 Millionen Schweizer Franken. Angeboten wird das Auto als Los 328 mit US-amerikanischem Fahrzeugtitel. Die 30 Millionen sind eine Ansage. Eine ziemlich selbstbewusste Ansage für ein Auto, das zweimal restauriert werden musste.

1996 McLaren F1 GTR/Fotos: RM Sotheby´s
Eigentlich wurde der McLaren F1, Gordon Murrays dreisitziger Supersportwagen mit zentraler Fahrerposition und BMW-V12 für die Straße entwickelt. Motorsport stand ursprünglich nicht im Lastenheft. Einige Kunden wollten trotzdem damit Rennen fahren, was angesichts der Konstruktion keine völlig abwegige Idee war.
Also entwickelte McLaren den F1 GTR, damit Kunden an den BPR Global GT Series teilnehmen konnten. Die erste Version des GTR blieb eng mit dem Straßenauto verwandt. McLaren reduzierte das Gewicht, änderte ein wenig die Karosserie, montierte einen großen Heckflügel und verbaute Carbon-Keramik-Bremsscheiben. Sogar das Getriebe des Serienautos blieb zunächst erhalten.
1995 trat der F1 GTR erstmals bei den 24 Stunden von Le Mans an. McLarens eigener Entwicklungsträger mit der Chassisnummer 01R startete für Kokusai Kaihatsu Racing und gewann auf Anhieb das Rennen. Nicht nur die GT-Klasse, sondern die Gesamtwertung. Damit hatte niemand gerechnet. Murray nicht und McLaren auch nicht.

1996 McLaren F1 GTR/Fotos: RM Sotheby´s
1996 erschien mit dem Porsche 911 GT1 ein Rennwagen auf der Bildfläche, der erheblich konsequenter für den Wettbewerb entwickelt worden war, als der GTR. McLaren reagierte mit Modifikationen, die zu niedrigerem Gewicht, mehr Abtrieb und einem insgesamt schnelleren Fahrzeug führten.
Die 1996er-Version erhielt verlängerte Karosseriepartien an Front und Heck sowie einen aggressiveren Frontsplitter. Das Getriebe bekam ein leichtes Magnesiumgehäuse und verstärkte Teile.
Das Resultat: die schnellste Version des F1 GTR. Sie soll sogar den stärker gestreckten Longtail von 1997 übertroffen haben. Optisch blieb der 1996er näher am ursprünglichen Short Tail, technisch war er erheblich weiter. Nur neun Exemplare wurden nach dieser Spezifikation gebaut. Das erste davon war 10R.

1996 McLaren F1 GTR/Fotos: RM Sotheby´s
Chassis 10R verließ das Werk in Woking im Dezember 1995. Als erstes Exemplar der neuen Generation blieb der Wagen zunächst bei McLaren und diente als Entwicklungsfahrzeug. Damit nimmt er innerhalb der F1-Familie eine ähnliche Rolle ein wie 01R, der spätere Le-Mans-Sieger von 1995.
Solche als „XP“ bezeichneten Entwicklungsfahrzeuge zählen heute zu den begehrtesten Varianten des McLaren F1. 10R wurde während der Wintertests in Magny-Cours von verschiedenen McLaren-Piloten gefahren. Dazu gehörte JJ Lehto, einer der Fahrer des Le-Mans-Siegerteams von 1995.
Neben der Entwicklungsarbeit nutzte der Hersteller das Auto auch für repräsentative Aufgaben. McLaren zeigte es bei mehreren Läufen der BPR Global GT Series. Zu diesem Zeitpunkt trug 10R bereits jene Lackierung, die ihn bis heute unverwechselbar macht: Blood Red mit gelben „96 GTR“-Grafiken.

1996 McLaren F1 GTR/Fotos: RM Sotheby´s
Im April 1996 absolvierte 10R zunächst zwölf Stunden Testbetrieb. Drei Wochen später brachte McLaren den Wagen zum Circuit de la Sarthe, wo die Vorqualifikation für die 24 Stunden von Le Mans stattfand. Der GTR trat in einfarbigem Blood Red und graphitfarbenen Rädern an. Die gelben Grafiken verschwanden. Eingesetzt wurde er von Kokusai Kaihatsu Racing, also jenem Team, das McLaren ein Jahr zuvor zum Gesamtsieg geführt hatte.
Am Steuer saß Werksfahrer David Brabham. Er brachte 10R auf Rang acht seiner Klasse und auf den 20. Platz der Gesamtwertung. Das eigentliche Rennen bestritt anschließend das Schwesterauto mit der Chassisnummer 11R. 10R war somit zwar in Le Mans unterwegs, trat jedoch nie beim 24-Stunden-Rennen selbst an.

1996 McLaren F1 GTR/Fotos: RM Sotheby´s
McLaren behielt den Wagen noch einige Jahre und verkaufte ihn 1999 direkt an Nick Mason. Der Schlagzeuger und Mitbegründer von Pink Floyd wurde damit zum ersten und bis heute einzigen privaten Eigentümer des 10R.
Mason interessierte sich bereits für Autos, bevor Pink Floyd weltberühmt wurden. Seine Sammlung umfasst unter anderem einen Ferrari 250 GTO, einen Maserati 250F, einen Bugatti Type 35, einen Jaguar D-Type und einen Porsche 962. Vor der Übergabe rüstete McLaren den GTR für den Straßenverkehr um. Schätzungsweise 16 McLaren F1 GTR wurden im Laufe der Jahre straßentauglich gemacht; der 10R gehörte zu den frühen Umbauten.
Für die Arbeiten an Masons GTR war Lanzante Limited zuständig. Firmengründer Paul Lanzante kannte den F1 GTR bereits aus dem Rennbetrieb: 1995 war er der Leiter des Kokusai-Kaihatsu-Teams, das beim ersten Le-Mans-Start des McLaren F1 GTR auf Anhieb den Gesamtsieg geholt hatte.

1996 McLaren F1 GTR/Fotos: RM Sotheby´s
Masons McLaren wurde oft und viel bewegt. Der Musiker stellte das Auto auch Journalisten zur Verfügung. Einer von ihnen verlor die Kontrolle über den Wagen und beendete die Fahrt im Weizenfeld.
Das Fahrzeug benötigte nach diesem Vorfall eine umfangreiche Restaurierung. Sie wurde 2009 von Dean Lanzante und seinem Team ausgeführt.
Später entwickelte sich Lanzante Limited zu einer der wichtigsten Adressen für straßenzugelassene Rennwagen von McLaren. Das Unternehmen war als McLaren Petersfield auch offizieller Händler und arbeitete an Straßenumbauten des F1 GTR, des P1 GTR und P1 LM sowie des Senna LM25.

1996 McLaren F1 GTR/Fotos: RM Sotheby´s
Nach der Restaurierung wurde der 10R wieder eingesetzt. 2017 kam Nick Mason In Goodwood von der Strecke ab und traf eine Reifenwand. Damit war eine zweite Restaurierung fällig. Auch dieses Mal war es Dean Lanzante, der das Fahrzeug wieder fahrtüchtig machte.
Seit Mason den McLaren besitzt verfolgt der Musiker beim Thema Wartung eine Politik des „offenen Scheckbuchs“. Nach jedem größeren Einsatz ging das Auto zurück in die Werkstatt. Dort wurde geprüft, gewartet und bei Bedarf instand gesetzt. Das Auktionshaus bezeichnet 10R deshalb als eines der mechanisch besten Exemplare seiner Art.
Bei einem gewöhnlichen Auto würden zwei Unfälle den Marktwert erheblich belasten. Bei einem historischen Rennwagen dagegen, zählt, ob seine Identität zweifelsfrei dokumentiert ist, welche Teile und Arbeiten nachvollziehbar sind und wer den Wiederaufbau durchgeführt hat. Zweimal Lanzante ist in diesem Zusammenhang etwas anderes als zweimal „Karosserie-Meisterbetrieb Harry, alle Marken“.

1996 McLaren F1 GTR/Fotos: RM Sotheby´s
Vom McLaren F1 GTR existieren drei grundsätzliche Entwicklungsstufen: der ursprüngliche Short Tail von 1995, die weiterentwickelte Version von 1996 und der Longtail von 1997. Die 1996er Variante wird als „Goldilocks“ bezeichnet. Er verbindet die kompakteren Proportionen und eine gewisse Alltagstauglichkeit des frühen Short Tail mit den technischen Fortschritten der späteren Rennwagen.
Innerhalb dieser kleinen Gruppe besitzt 10R eine besondere Stellung. Er ist der erste von neun 1996er-GTR, einer von nur zwei Short-Tail-Prototypen und das Gegenstück zum Le-Mans-Sieger 01R. Erst der Longtail 19R übernahm 1997 wieder eine vergleichbare Entwicklungsrolle für McLaren.
Hinzu kommen die einmalige Werkslackierung, der Einsatz bei den Le-Mans-Testfahrten, der Umbau durch McLaren, die gute Wartung und nur ein einziger privater Eigentümer. Am 15. August wird sich zeigen, wie der Markt diese Geschichte bewertet.
Fotos: RM Sotheby´s

























