Der lange Weg zum LM002: Lamborghinis Offroad-Experimente
40 Jahre ist es her, dass Lamborghini auf dem Brüsseler Autosalon 1986 ein Fahrzeug präsentierte, das so gar nicht zum damaligen Bild der Marke passen wollte: den LM002. Mit seinem bulligen Auftritt und echten Offroad-Fähigkeiten sprengte er die Grenzen dessen, was man von einem Lamborghini erwartete. Statt eines flachen Sportwagens rollte plötzlich ein kompromissloser Geländewagen auf die Bühne.
![]()
Der LM 002 verband die Leistung und den Auftritt der Supersportwagen aus Sant’Agata Bolognese mit ernst zu nehmender Geländetechnik. Damit nahm der LM002 vieles vorweg, was Jahrzehnte später als Super-SUV zu einem festen Bestandteil des Automobilmarktes werden sollte. Bis zur Serienreife war es allerdings ein langer Weg, der mit militärischen Ambitionen, mehreren Prototypen und einigen grundlegenden Fehlentscheidungen begann.

Der Lamborghini LM002 nahm Ende der 1980er-Jahre vieles vorweg, was heute als Super-SUV selbstverständlich erscheint: hohe Leistung, Allradantrieb und echte Geländetauglichkeit.
Cheetah: Lamborghinis erster Schritt ins Gelände
Der Einstieg von Lamborghini in die Welt der Geländefahrzeuge begann 1977 mit dem Cheetah. Der auf dem Genfer Autosalon vorgestellte Prototyp hatte nur wenig mit den flachen Gran-Turismo-Modellen gemeinsam, für die Lamborghini bis dahin bekannt war.
Der gemeinsam mit dem US-Unternehmen Mobility Technology International, kurz MTI, entwickelte Cheetah war ursprünglich für taktische und militärische Einsätze gedacht. Als mögliche Abnehmer galten die US-Streitkräfte sowie Kunden im Nahen Osten. Seine Konstruktion folgte entsprechend nüchternen Vorgaben: Ein Stahlrohrrahmen trug eine offene Aluminiumkarosserie mit Wartungsöffnungen, freiliegenden Rohrstrukturen und offenem Cockpit.
Ungewöhnlich war vor allem die Anordnung des Motors. Hinter dem Cockpit saß ein 5,9-Liter-V8 von Chrysler mit 183 PS bei 4000 U/min und 362 Nm bei 2500 U/min. Die Kraftübertragung übernahm eine dreistufige Chrysler-A727-Automatik in Verbindung mit Allradantrieb.
Vorn setzte der Cheetah auf doppelte Querlenker, Schraubenfedern und einen Stabilisator. Hinten kam eine ähnliche Konstruktion zum Einsatz, ergänzt um eine einstellbare Drehstabfederung. Bei den Bremsen griff Lamborghini ins eigene Regal: Die belüfteten Scheibenbremsen an der Vorderachse stammten vom damaligen Countach.
Der Cheetah sollte Steigungen zwischen 60 und 85 Prozent bewältigen können. Auf der Straße waren bis zu 167 km/h möglich, im Sand laut Herstellerangabe noch rund 140 km/h. Trotz eines Trockengewichts von 2042 Kilogramm beschleunigte der Prototyp in 9,0 Sekunden von 0 auf 100 km/h.
Über das Einzelstück kam das Projekt nicht hinaus. Für Lamborghini war der Cheetah dennoch wichtig, denn er zeigte erstmals, welche Möglichkeiten und welche Probleme ein leistungsstarker Geländewagen mit sich brachte.

Der Cheetah von 1977 war Lamborghinis erster Schritt ins Gelände. Der für militärische Anwendungen entwickelte Prototyp setzte noch auf einen V8 im Heck/ Fotos: Lamborghini
LM001: Das Heckmotor-Konzept stößt an seine Grenzen
Der nächste Schritt folgte 1981 mit dem LM001, kurz für Lamborghini Militare 1. Aus dem offenen Versuchsträger wurde ein deutlich ambitionierteres Entwicklungsprojekt.
Der LM001 wurde auf dem Genfer Autosalon vorgestellt und war eines der ersten größeren Projekte der Lamborghini-Ära unter CEO Patrick Mimran. Unter der technischen Leitung von Giulio Alfieri sollte das Fahrzeug sowohl private Käufer als auch staatliche und militärische Auftraggeber ansprechen, besonders im Nahen Osten.
Im Gegensatz zum offenen Cheetah erhielt der LM001 eine geschlossene viertürige Karosserie mit kantiger Linienführung. Die Konstruktion war so ausgelegt, dass auch gepanzerte Varianten möglich gewesen wären.
Für den Antrieb war grundsätzlich der 4,8-Liter-V12 aus dem Countach LP500 S mit 332 PS bei 6000 U/min vorgesehen. Im einzigen gebauten Prototyp arbeitete jedoch zunächst ein 5,9-Liter-V8 auf AMC-Basis. Dazu kamen eine dreistufige Chrysler-A727-Automatik und Allradantrieb mit deutlich heckbetonter Kraftverteilung.
Der LM001 war 4790 Millimeter lang und 2000 Millimeter breit. Im zentralen Bereich betrug die Bodenfreiheit 425 Millimeter. Das Leergewicht lag je nach Ausführung bei etwa 2100 bis 2400 Kilogramm. Die Höchstgeschwindigkeit wurde mit rund 180 km/h angegeben, für den Sprint von 0 auf 100 km/h benötigte der Wagen etwa 12,0 Sekunden.
Bei Testfahrten in der Wüste zeigte sich jedoch schnell die entscheidende Schwäche des Konzepts: der Heckmotor. Bei starker Beschleunigung und an steilen Anstiegen wurde die Vorderachse zu stark entlastet. Ohne Servolenkung verschärfte sich das Problem zusätzlich. Lenkpräzision und Fahrstabilität litten spürbar.
Trotzdem wurde der LM001 zu einem wichtigen Versuchsträger. Seine Einzelradaufhängung mit Doppelquerlenkern, Drehstabfedern und Teleskopstoßdämpfern lieferte wertvolle Erkenntnisse. Noch wichtiger waren jedoch die Probleme bei Gewichtsverteilung, Fahrdynamik und Motorkühlung. Sie zwangen Lamborghini zu einem grundlegenden Umbau der gesamten Fahrzeugarchitektur.
LMA: Der Motor wandert nach vorn
Giulio Alfieri und sein Team verabschiedeten sich schließlich vom Heckmotor. Beim daraus entwickelten Lamborghini Militare Anteriore, kurz LMA, wanderte der Motor an die Fahrzeugfront. Damit änderten sich nicht nur die Gewichtsverteilung, sondern auch die gesamten Proportionen des Fahrzeugs.
Der 4,8-Liter-V12 aus dem Countach mit 332 PS blieb erhalten. Die Chrysler-Automatik wich jedoch einem robusteren Fünfgang-Schaltgetriebe von ZF mit Geländeuntersetzung. Zudem ließ sich die Vorderachse abschalten, sodass der LMA wahlweise mit Allrad- oder reinem Hinterradantrieb gefahren werden konnte.
Auf dem Genfer Autosalon 1982 zeigte Lamborghini, wie weit sich das ursprüngliche Konzept inzwischen entwickelt hatte. Der LMA war knapp 4,9 Meter lang und wog rund 2600 Kilogramm.
Erprobt wurde er unter anderem in den Wüsten Saudi-Arabiens. Dort soll er Steigungen von bis zu 120 Prozent bewältigt und Geschwindigkeiten von nahezu 190 km/h erreicht haben. Die Ergebnisse bestätigten vor allem, dass die Frontmotor-Anordnung der richtige Weg war. Sie wurde zur technischen Grundlage des späteren Serien-LM002.

Die Wüste wurde zum entscheidenden Testgelände. Gerade hier zeigten sich die Grenzen der frühen Heckmotor-Konstruktionen und die Vorteile der späteren Frontmotor-Lösung. Fotos: Lamborghini
LM003: Der Versuch mit Diesel
Parallel zum LMA erprobte Lamborghini weitere Antriebskonzepte. Der 1983 entwickelte LM003 war der einzige Prototyp des ursprünglichen Lamborghini-Militare-Programms mit Dieselmotor.
Für das Projekt arbeitete Lamborghini mit dem italienischen Motorenspezialisten VM Motori zusammen. Zum Einsatz kam ein Fünfzylinder-Turbodiesel mit 150 PS. Die Idee war nachvollziehbar: Ein Diesel versprach geringeren Verbrauch und größere Reichweite als die leistungsstarken V12-Benziner.
In der Praxis reichte die Leistung jedoch nicht aus. Für ein Fahrzeug mit annähernd drei Tonnen Gewicht waren 150 PS schlicht zu wenig. Der LM003 blieb deshalb ein Einzelstück und wurde nicht weiterentwickelt.

Bootsmotor für das Gelände Foto: Lamborghini
LM004: Ein Bootsmotor fürs Gelände
1985 folgte mit dem LM004 ein noch extremeres Versuchskonzept. Lamborghini wollte herausfinden, ob sich ein Antrieb aus dem maritimen Rennsport auf einen leistungsfähigen Geländewagen übertragen ließ.
Im Zentrum des Projekts stand der Lamborghini L804, eine Wettbewerbsversion des hauseigenen V12-Motors, die ursprünglich für Hochleistungs-Offshoreboote entwickelt worden war. Der 7,0-Liter-Motor leistete mehr als 420 PS und entwickelte bereits bei 2000 U/min ein Drehmoment von 589 Nm.
Der Motor war jedoch so groß und schwer, dass Lamborghini das Chassis verlängern musste. Die Proportionen gingen damit noch über die des späteren LM002 hinaus. Hinzu kamen Zweifel an Zuverlässigkeit und Alltagstauglichkeit.
Der LM004 blieb deshalb ebenfalls ein Versuchsträger. Für das Serienmodell entschied sich Lamborghini stattdessen für den kompakteren 5,2-Liter-V12 aus dem Countach Quattrovalvole.

Der LM002 in der Fertigung in Sant’Agata Bolognese. Zwischen 1986 und 1992 entstanden insgesamt 301 Exemplare. Fotos: Lamborghini
LM002: Aus dem Experiment wird ein Serienmodell
1986 war es schließlich so weit. Auf dem Brüsseler Autosalon präsentierte Lamborghini den serienreifen LM002. Gebaut wurde er bis 1992.
Unter der Haube arbeitete der 5167 Kubikzentimeter große V12 aus dem Countach Quattrovalvole. Der Motor mit 60 Grad Zylinderbankwinkel und vier Ventilen pro Zylinder leistete rund 450 PS. Nach SAE-Net-Norm wurden 420 PS angegeben.
Damit erreichte der mehr als 2700 Kilogramm schwere Geländewagen bis zu 210 km/h. Für ein Fahrzeug dieser Größe war das Mitte der 1980er-Jahre ein außergewöhnlicher Wert.
Zunächst versorgten sechs Weber-Vergaser den V12 mit Kraftstoff. Ab 1989 kam eine elektronische Einspritzung zum Einsatz, die unter anderem die Zulassung auf dem US-amerikanischen Markt erleichterte.
Die Kraftübertragung übernahm ein Fünfgang-Schaltgetriebe von ZF mit Geländeuntersetzung. Drei selbstsperrende Differenziale regelten die Kraftverteilung. An der Vorderachse betrug die Sperrwirkung 25 Prozent, an der Hinterachse und am Mitteldifferenzial jeweils 75 Prozent. Das Mitteldifferenzial ließ sich zusätzlich mechanisch vollständig sperren.
Auch der Rest der Konstruktion war auf harte Geländeeinsätze ausgelegt. Der verstärkte Stahlrohrrahmen sollte Belastungen von bis zu 8 g standhalten. Die Einzelradaufhängung mit Doppelquerlenkern bot 130 Millimeter Einfeder- und 110 Millimeter Ausfederweg. Zudem konnte der LM002 Gewässer bis zu einer Tiefe von 82 Zentimetern durchqueren, ohne dass besondere Vorbereitungen nötig waren.

Für den LM002 entwickelte Pirelli den Scorpion BK. Der spezielle Geländereifen sollte auch auf losem Sand hohe Traktion und Richtungsstabilität ermöglichen. Fotos: Lamborghini
Spezialreifen für ein Spezialfahrzeug
Einen wichtigen Anteil an der Geländetauglichkeit hatte der eigens entwickelte Pirelli Scorpion BK. Der Reifen besaß markante seitliche Profilbereiche, die auf Sand für besseren Vortrieb und größere Richtungsstabilität sorgen sollten.
Auch mit stark reduziertem Luftdruck blieb der Reifen einsatzfähig und konnte weiterhin hohe Querkräfte aufnehmen. Seine besonders robuste Karkasse war mit schnitthemmenden Aramidfasern verstärkt.
Beim Profil orientierte sich Pirelli am Intermedio Montecarlo aus dem Rallyesport. Damit gelangte Motorsporttechnik direkt in die Serienbereifung eines fast drei Tonnen schweren Luxus-Geländewagens.

Leder, Holz und Klimaanlage statt militärischer Zweckmäßigkeit: Im Innenraum zeigte sich endgültig, dass aus dem ursprünglichen Militärprojekt ein Luxus-Geländewagen geworden war. Fotos: Lamborghini
Leder, Holz und Hi-Fi statt Militärcharme
Trotz seiner militärischen Wurzeln war der LM002 im Innenraum alles andere als spartanisch. Lederbezüge, Holzeinlagen, Klimaanlage, blau getönte Scheiben und eine im Dach integrierte Hi-Fi-Anlage gehörten zur Ausstattung. Auf Wunsch war sogar TV-Empfang erhältlich.
Vier Personen fanden bequem Platz. Hinzu kam ein großzügiger Laderaum im Heck. Aus dem ursprünglich militärisch gedachten Geländewagen war damit endgültig ein Luxusfahrzeug geworden.
1987 kostete der LM002 rund 169 Millionen italienische Lire. Nach dem damaligen Wechselkurs entsprach das etwa 228.000 D-Mark. Auf heutige Kaufkraft umgerechnet wären das rund 243.000 Euro. Insgesamt entstanden bis 1992 genau 301 Exemplare, darunter ein rechtsgelenktes Fahrzeug.

LM 002 im Rallyeeinsatz. Fotos: Lamborghini
LM/American und One Lap of America
Für den nordamerikanischen Markt entwickelte Lamborghini den LM/American. Insgesamt entstanden 60 Exemplare. Die technische Überarbeitung diente vor allem dazu, die strengeren amerikanischen Abgasvorschriften zu erfüllen, insbesondere die Vorgaben in Kalifornien.
1989 nahm Sandro Munari, ehemaliger Rallyefahrer und damaliger PR-Manager von Lamborghini, mit einem seriennahen LM/American an der One Lap of America teil. Die Veranstaltung führte über rund 10.000 Meilen durch mehrere US-Bundesstaaten.
Bemerkenswert war, dass der eingesetzte LM002 technisch weitgehend der für den amerikanischen Markt homologierten Serienversion entsprach. Nach Jahren mit Prototypen, unterschiedlichen Motoren und mehreren Fahrzeugarchitekturen war aus dem ursprünglichen Militärprojekt damit ein belastbares Serienfahrzeug geworden.

Vier Jahrzehnte später wirkt der LM002 noch immer ungewöhnlich. Erst mit dem Urus griff Lamborghini die Idee eines leistungsstarken Geländewagens wieder dauerhaft auf. Fotos: Lamborghini
Vom LM002 zum Urus
1992 endete die Produktion des LM002. Einen direkten Nachfolger gab es zunächst nicht. Erst mit dem Urus kehrte Lamborghini mehr als zwei Jahrzehnte später dauerhaft in dieses Segment zurück.
Technisch liegen zwischen beiden Fahrzeugen Welten. Die Grundidee ist jedoch ähnlich geblieben: die Leistung und den Auftritt eines Lamborghini mit dem Nutzwert und der Geländetauglichkeit eines SUV zu verbinden. Was beim LM002 noch wie ein automobiler Sonderfall wirkte, wurde mit dem Urus zu einem der wichtigsten Konzepte der Marke.
Heute kümmert sich Lamborghini Polo Storico um die Betreuung und Restaurierung der seltenen Fahrzeuge. Gemeinsam mit Pirelli wurden außerdem die speziell für den LM002 entwickelten Scorpion-BK-Reifen neu aufgelegt. Die Reproduktionen sind über das Lamborghini-Händlernetz und die Pirelli-Collezione-Serie erhältlich.
So bleibt der LM002 nicht nur als außergewöhnliches Kapitel der Markengeschichte erhalten. Er kann auch weiterhin dort bewegt werden, wo seine Entwicklung einst begann: abseits befestigter Straßen.
Fotos: Lamborghini





























