Ferrari Dino 206 S Chassis 032
Mitte der 1960er-Jahre geriet Ferrari im internationalen Sportwagen-Rennsport der kleineren Klassen zunehmend unter Zugzwang. Ursache dafür waren nicht der Mangel an Leistung, sondern Reglements, Einsatzlogik und vor allem die wachsende Konkurrenz durch Porsche.

Das Porsche Problem
Porsche trat Ferrari in dieser Zeit nicht als glamouröser Gegenspieler gegenüber, sondern als systematisch arbeitender Lieferant für Rennteams. Fahrzeuge wie 904, 906 und 910 waren leicht, kompakt, zuverlässig und vor allem waren sie reproduzierbar. Sie ließen sich von Kundenteams einsetzen, warten und anpassen. Genau darin lag ihre Stärke.
Ferrari dagegen baute hochspezialisierte Einzelstücke. Technisch brillant, ja, aber gleichzeitig auch aufwendig, empfindlich und teuer im Betrieb. In den kleineren Hubraumklassen wurde das zunehmend zum Nachteil. Siege entschieden sich nicht mehr allein über Spitzenleistung, sondern über Effizienz, Einsatzbreite und logistische Beherrschbarkeit. Ferrari musste reagieren.

1967 Ferrari Dino 206 S/Foto: RM Sotheby´s
Dino: Abgrenzung mit Absicht
Die Entscheidung, das Fahrzeug nicht als Ferrari zu bezeichnen, sondern unter dem Namen „Dino“ laufen zu lassen, war strategischer Natur. „Dino“ verweist auf Alfredo Ferrari, Enzo Ferraris Sohn, der maßgeblich an der Entwicklung von V6-Motoren beteiligt war und 1956 verstarb, und diente als interne und externe Trennlinie.
Alles, was nicht dem klassischen Ferrari-Schema entsprach – kleiner Hubraum, weniger Zylinder, Mittelmotor – wurde unter dem Dino-Namen entwickelt. Das senkte Erwartungen, schuf Freiräume und erlaubte technische Entscheidungen, die unter dem Ferrari-Label politisch schwieriger gewesen wären.

1967 Ferrari Dino 206 S/Foto: RM Sotheby´s
Konzept und Architektur
Der Dino 206 S war von Beginn an als reiner Sportprototyp für die 2-Liter-Klasse konzipiert. Grundlage ist ein extrem kompakter Rohrrahmen mit kurzen Lastpfaden und hoher Torsionssteifigkeit. Die Karosserie besteht aus Aluminium und ist eng um die Technik gelegt. Ziel war kompromisslose Gewichtsreduktion.
Je nach Ausbaustufe liegt das Trockengewicht unter 600 Kilogramm. Das ist keine Nebeninformation, sondern der Kern des Konzepts, Ferraris Antwort auf Porsches Effizienzvorteil.

1967 Ferrari Dino 206 S/Foto: RM Sotheby´s
Motor: kein Kompromiss, sondern Neuentwicklung
Der V6-Motor mit 2,0 Litern Hubraum besitzt einen 65-Grad-Zylinderwinkel. Diese Bauweise erlaubt eine kompakte Konstruktion und günstige Schwerpunktlage. Vier obenliegende Nockenwellen, Trockensumpfschmierung und mehrere Vergaser gehören zur Serienausstattung der Rennversionen.
Die Leistung lag je nach Entwicklungsstand bei rund 210 bis 220 PS. Entscheidend ist hier allerdings nicht die absolute Zahl, sondern das Verhältnis von Leistung zu Gewicht sowie die Drehfreude. Der Motor ist auf hohe Drehzahlen ausgelegt, mit direkter Gasannahme und geringer rotierender Masse. Er ist integraler Bestandteil des Fahrwerkskonzepts, nicht bloß Antriebseinheit.
Der Wagen mit der Chassisnummer 032, der in Paris von Sotheby´s versteigert wird, ist der letzte von 18 gebauten Ferrari Dino 206 S und eines von nur zwei Fahrzeugen, die mit dem leistungsstärksten mechanischen Lucas-V6-Motor mit 2,0 Litern Hubraum, dem Tipo 233 S, ausgestattet sind, der 270 PS leistet.

1967 Ferrari Dino 206 S/Foto: RM Sotheby´s
Mittelmotor-Layout und Fahrwerk
Der längs eingebaute Mittelmotor verbessert Traktion, Balance und Einlenkverhalten. Ferrari hatte bereits Erfahrung mit Mittelmotoren gesammelt, setzte das Konzept hier jedoch erstmals kompromisslos in einem Fahrzeug dieser Klasse um.
Das Fahrwerk folgt klassischer Rennwagenlogik: Doppelquerlenker, kurze Federwege, direkte Lenkübersetzung. Ziel war präzise Rückmeldung auch für Nicht-Werksfahrer – ein weiterer Punkt, an dem Ferrari von Porsche lernte. Der 206 S sollte fahrbar sein, nicht nur schnell.

1967 Ferrari Dino 206 S/Foto: RM Sotheby´s
Aerodynamik und Karosserieform
Die Form des Dino 206 S gilt heute weithin als eine der schönsten Formen, die jemals in Maranello entstanden. Chassis 032 ist eines von nur 13 Fahrzeugen mit Spyder-Karosserie, entworfen von Piero Drogo. Niedrige Front, flache Silhouette, gespannte Radhäuser, kurzes Heck. Die Karosserie wirkt wie unter Zug stehend, weil sie exakt das abbildet, was darunter passiert. Es gibt keine dekorativen Elemente. Lufteinlässe, Öffnungen und Linien folgen technischen Notwendigkeiten. Genau deshalb altert das Design so gut.

1967 Ferrari Dino 206 S/Foto: RM Sotheby´s
Entwicklung und Varianten
Der Dino 206 S existiert nicht in einer einzigen, klar definierten Version. Ferrari entwickelte das Fahrzeug kontinuierlich weiter. Änderungen betrafen Motorabstimmung, Kühlung, Fahrwerksgeometrie und Aerodynamik. Es gab offene und geschlossene Varianten, angepasst an Streckenprofil und Reglement.
Diese permanente Evolution ist heute Fluch und Segen zugleich. Viele Fahrzeuge wurden im Laufe der Jahrzehnte umgebaut oder rückgerüstet. Originalität ist deshalb kein trivialer Begriff, sondern eine Frage detaillierter Dokumentation.

1967 Ferrari Dino 206 S/Foto: RM Sotheby´s
Chassis 032
Das von RM Sotheby’s angebotene Chassis 032 nimmt innerhalb der ohnehin extrem kleinen Serie (18) eine Sonderstellung ein. Er ist das letzte Fahrzeug, der Serie, die Maranello verließ. Die ultimative Weiterentwicklung des Dino 206 S, die von Ferraris gesammelten Erkenntnissen profitiert. Entscheidender ist jedoch die lückenlose und konsistente Dokumentation.
032 weist eine klar nachvollziehbare Historie auf. Für Sammler ist das zentral: nicht nur Seltenheit, sondern technische und historische Präzision. Das Fahrzeug wurde von Ferrari Classiche in den Jahren 2014-15 restauriert und mit dem „Red Book“-Zertifikat ausgezeichnet. Chassis 032 wird bei RM Sotheby’s im Rahmen der Auktion in Paris angeboten. Die Erwartungen liegen bei 3.800.00 bis 4.200.000 Euro.
Fotos: RM Sotheby´s

























