Alfa Romeo Berlina Aerodinamica Tecnica 5-7-9d
Früher hatten Konzeptautos oft ein kurzes Leben. Sie wurden für Salons, Messen und Wanderausstellungen gebaut, zogen ein paar Wochen Aufmerksamkeit auf sich und verschwanden danach nicht selten in Depots, in Werkhallen oder ganz aus der Geschichte. Nur wenige wurden konsequent bewahrt. Glücklicherweise gehören die Alfa Romeo BAT 5, 7 und 9d dazu. Diese drei Studien wurden 1953, 1954 und 1955 auf Turiner Salonbühnen gezeigt, basierten jeweils auf dem Alfa Romeo 1900, trugen Karosserien von Bertone und wurden von Franco Scaglione gezeichnet. 2020 tauchten sie in einer Contemporary Art Evening Auction von RM Sotheby’s in New York auf. Dort gingen sie als zusammengehöriges Triptychon für 14.840.000 US-Dollar weg.
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Interessant an der BAT-Reihe ist weniger ihre Seltenheit als ihre Entstehungsgeschichte. Anfang der fünfziger Jahre suchte Bertone nach neuen Perspektiven jenseits des klassischen Karosseriegeschäfts. Etwa zur selben Zeit heuerte Franco Scaglione bei Bertone an. Damit verfügte der Karosseriebauer über einen Designer, der Aerodynamik als konstruktives Thema begriff. Als Alfa Romeo Bertone beauftragte, auf Basis des 1900 eine aerodynamische Studie zu entwickeln, schuf Scaglione daraus kein einzelnes Schaustück, sondern eine Folge von drei eng zusammenhängenden Konzepten. BAT 5, 7 und 9d sind deshalb nicht einfach Variationen eines Stils, sondern drei Stufen eines Gedankens.

1953,54,55 Alfa Romeo Bertone B.A.T. 5,7,9 /Foto: RM Sotheby´s
Schon der Name klingt eher nach Versuchsanordnung als nach Poesie: Berlina Aerodinamica Tecnica. Diese Autos sollten Luftführung sichtbar machen. Die BAT 5 war dabei der erste große Wurf. Scaglione schuf erst vier Modelle in Originalgröße, bevor das fünfte als reales Fahrzeug entstand. Das Ergebnis wirkte selbst nach Maßstäben der damaligen Zukunftsgläubigkeit ausgesprochen radikal: pontonartige Kotflügel, ein gerundeter Mittelbug, eine flache Haube, ein gläsernes Tropfendach und die markanten Heckflossen, die nicht als Dekor, sondern der Stabilisierung des Luftstroms dienten. Vorn leiten Öffnungen Luft gezielt zum Kühler, seitliche Entlüftungen helfen den vorderen Bremsen, die hinteren Radhäuser sind verkleidet, und die Scheinwerfer sind in die Kotflügel integriert.
Für den BAT 5 wird ein Luftwiderstandswert von rund 0,23 und eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 199 km/h angegeben. Mag sein, dass die Werte bei heutigen Messmethoden geringfügig abweichen könnten, beeindruckend bleiben die Zahlen trotzdem.

1953 Alfa Romeo Bertone B.A.T 5/Foto: RM Sotheby´s
Das Debüt des B.A.T. 5 auf dem Turiner Salon 1953 wurde entsprechend enthusiastisch aufgenommen. Danach begann die zweite Karriere des Fahrzeugs: Bertone verkaufte die BAT 5 noch 1953 an den US-Importeur Stanley „Wacky“ Arnolt. Das Auto wurde in den Vereinigten Staaten gezeigt, später dunkler silbern lackiert, von Arnolt selbst gefahren und danach viele Jahre in einer Werkstatt in Indiana aufgehängt. Erst in den späten achtziger Jahren wurde die BAT 5 restauriert und in ihre ursprüngliche Farbausführung zurückversetzt. 1988 gewann sie bei Pebble Beach einen Klassenpreis. Aus einem Messestar war da längst ein automobiles Kultobjekt geworden.
Die BAT 7 von 1954 verschärfte die These der BAT 5. Wieder diente Technik des Alfa Romeo 1900 als Grundlage, aber Scaglione durfte bestimmte Eigenschaften des ersten Autos weiter zuspitzen. Die Frontöffnungen wurden schmaler, die Haube sank um mehr als fünf Zentimeter, die Flossen wuchsen weiter nach hinten und bekamen einen stärkeren Winkel. Die hinteren Abdeckungen blieben, die Seitenentlüftungen ebenfalls. Im Vergleich zum Vorgänger sanken cW Wert und Gewicht. Trotzdem wirkt die BAT 7 nicht wie die Karikatur der BAT 5. Sie ist kein schriller Nachfolger, sondern eine konsequentere Fortsetzung derselben Idee. Schärfer, kühner, und vielleicht sogar theatralisch. Womöglich ist sie deshalb bis heute die bekannteste der drei.

1954 Alfa Romeo Bertone B.A.T. 7/Foto: RM Sotheby´s
Zugleich steckt in ihrer Biografie ein kleines Lehrstück über die Kollision von Vision und Alltag. Nach ihrer Zeit als Messestar wurde sie von Alfa Romeo selbst in den USA gezeigt, später in San Francisco genutzt und dabei ihrer Flossen beraubt, weil diese im Straßenverkehr die Sicht nach hinten massiv einschränkten. Aus heutiger Sicht wirkt das wie Vandalismus. Aus damaliger Sicht war es eine pragmatische Reaktion auf ein Problem, das Scaglione bewusst in Kauf genommen hatte. Erst eine Restaurierung in den achtziger Jahren brachte die BAT 7 wieder in ihre ursprüngliche Konfiguration zurück.

1955 Alfa Romeo Bertone B.A.T 9/Foto: RM Sotheby´s
Mit der BAT 9d von 1955 änderte sich der Ton. Alfa Romeo wollte die dritte Studie ausdrücklich praktikabler und näher an der Realität sehen. Vermutlich hatte man erkannt, dass die ersten beiden BAT zwar für Begeisterung sorgten, aber noch nicht reif für die Herausforderungen des Alltags waren und auch irgendwie nicht wie Autos der Marke aussahen. Die Flossen wurden kleiner, die hinteren Radabdeckungen entfielen, die Seitenlinie wurde klarer, und an der Front saß nun ein seriennaher dreieckiger Giulietta-Grill samt Mailänder Wappen. Die BAT 9d blieb also Teil des BAT-Gedankens, bekannte sich aber erstmals offen zu Alfa Romeo.

1953 Alfa Romeo Bertone B.A.T 5/Foto: RM Sotheby´s
Nach dem Salon von 1955 ging sie in US-Besitz über, tauchte 1956 auf dem Parkplatz des Sebring-Rennens auf, wurde später rot lackiert, in einem Händlerbetrieb prominent ausgestellt und schließlich von Gary Kaberle erworben, der das Auto 28 Jahre lang behielt und es während seines Studiums sogar als Transportmittel nutzte. Dass ein derartiges Einzelstück zeitweise nicht nur Kunstobjekt, sondern auch schlicht ein fahrendes Auto war, gehört zu den sympathischen Aspekten dieser Epoche. Heute würde jedes Kuratorengremium in Ohnmacht fallen.

1953,54,55 Alfa Romeo B.A.T. 5-7-9d/Foto: RM Sotheby´s
Heute werden die drei Fahrzeuge als zusammenhängendes Werk gesehen. In ihrer Entstehungszeit jedoch, wurden sie nie gemeinsam gezeigt. Das geschah erst 1989, als sie beim Pebble Beach Concours d’Elegance erstmals in ihrer Geschichte zusammenkamen. Nuccio Bertone wurde geehrt und die damaligen Besitzer der drei Fahrzeuge konnten für diese historische Zusammenführung in diesem Kontext gewonnen werden. Danach erkannte ein Privatsammler den besonderen Reiz dieses Ensembles und vereinte die drei Autos.

1953,54,55 Alfa Romeo Bertone B.A.T. 5,7,9 /Foto: RM Sotheby´s
Die BAT-Modelle waren nicht nur aerodynamisch erstaunlich weit, sie sehen auch heute noch nicht aus wie museale Kuriositäten. Scaglione formulierte mit BAT 5, 7 und 9d ein zusammenhängendes Stück Designgeschichte, das Technik, Markenidentität und Experiment in drei Varianten durchspielt. Dass diese drei Fahrzeuge erhalten blieben und schließlich als Ensemble zusammenkamen, ist ein glücklicher Ausnahmefall in der Geschichte der Konzeptfahrzeuge.
Fotos: RM Sotheby´s


















































