Rallye für alle
Rostlaube statt Rennwagen, Roadbook statt Navigationssystem, Schutzbrief statt Service-Truck: Wer in Deutschland das Rallye-Gefühl sucht, muss nicht gleich eine Lizenz beantragen oder ein Rallyeauto aufbauen. Oft reicht ein alter Gebrauchtwagen, ein Beifahrer oder eine Beifahrerin sowie die Bereitschaft, sich von einem Streckenplan gelegentlich demütigen zu lassen.
Die „Rallye für jedermann“-Szene wächst seit Jahren. Mit klassischem Rallyesport ist sie zwar nur lose verwandt, übernimmt aber viele seiner reizvollsten Elemente. Wer nach solchen Veranstaltungen sucht, wird allerdings selten unter dem Begriff „Rallye“ fündig. Die meisten Formate heißen Orientierungsfahrt, Gleichmäßigkeitsfahrt oder touristische Ausfahrt und werden von ADAC-Ortsclubs, regionalen Motorsportvereinen oder Oldtimer-Gemeinschaften organisiert. Gefahren wird ausschließlich auf öffentlichen Straßen und nach den Regeln der Straßenverkehrsordnung. Der Wettbewerb besteht nicht darin, möglichst schnell ans Ziel zu kommen, sondern das Roadbook fehlerfrei zu lesen und alle Kontrollpunkte zu finden.

Die Einstiegshürden sind erfreulich niedrig. Kleine Clubveranstaltungen oder Orientierungsfahrten kosten häufig zwischen 50 und 150 Euro Startgeld. Regionale Youngtimer- und Oldtimer-Touren bewegen sich meist zwischen 100 und 250 Euro pro Fahrzeug mit zwei Personen. Trailer, Serviceteam oder Spezialreifen sind dafür nicht nötig. Ein verkehrssicheres Auto, ein zuverlässiger Beifahrer, ein Kugelschreiber und etwas Abenteuerlust reichen für den Anfang meist aus.
Orientierungsfahrten sind der ideale Einstieg in diese Welt. Sie machen aus Autofahren mit Navigationssystem wieder Autofahren mit Arbeitsteilung. Während sich der Fahrer auf die Straße konzentriert, übernimmt der Beifahrer das Roadbook. Abzweigungen, Skizzen, Entfernungen und Kontrollpunkte müssen gemeinsam entschlüsselt werden.

Noch präziser geht es bei Gleichmäßigkeitsfahrten zu. Hier gewinnt nicht der Schnellste, sondern das Team, das vorgegebene Durchschnittsgeschwindigkeiten möglichst exakt einhält. Das klingt einfacher, als es ist. 49,8 km/h über eine kurvenreiche Landstraße wirken zunächst harmlos – bis Ortsschilder, Kreisverkehre, Traktoren und die Stoppuhr aus der vermeintlichen Spazierfahrt eine Challenge machen.
Besonders sympathisch wirkt die Szene bei Youngtimer-Veranstaltungen. Dort stehen keine Museumsstücke, sondern Autos, die viele noch aus ihrem Alltag kennen, wie z.B. den Golf III, BMW E36, Mercedes W202, Audi 80 oder Renault Twingo. Gebrauchsspuren gehören fast schon zum guten Ton. Entscheidend ist nicht der Sammlerwert, sondern ob der Wagen zuverlässig läuft, sauber bremst, ordentlich lenkt und den Tag aus eigener Kraft beendet.

Oldtimer-Rallyes bilden die klassische Seite dieser Welt. Deutschland verfügt über eine beeindruckende Zahl solcher Veranstaltungen. Manche sind entspannt, regional und erstaunlich günstig, andere gleichen rollenden Gartenpartys mit Chrom, Hotelpaketen und Abendprogramm. Wer bereits einen Klassiker besitzt, findet eine große Auswahl.
Eine eigene Kategorie bilden Banger-Rallyes und Low-Budget-Roadtrips. Hier geht es bewusst mit alten, günstigen Autos auf große Tour. Je weniger das Fahrzeug wert ist, desto besser passt es oft zum Konzept. Kleine Dellen oder Kratzer sorgen hier selten für Herzrasen. Wichtiger ist, dass der Motor durchhält und das Ziel erreicht wird.

Neben Vereinen und Clubs gibt zahlreiche kommerzielle Anbieter, die genau diese Sehnsucht nach bezahlbarem Autoabenteuer bedienen. Sie organisieren mehrtägige Roadbook-Rallyes, Low-Budget-Roadtrips und thematische Touren durch Deutschland oder quer durch Europa. Namen wie Pothole Rodeo, Carbage Run oder Baltic Sea Circle stehen für organisierte Abenteuerfahrten, deren Fangemeinde immer größer wird.
Diese Formate sind meist teurer als eine lokale Orientierungsfahrt, dafür bekommt man eine fertige Route, Etappenplanung, Aufgaben, Gemeinschaft und ein deutlich größeres Erlebnisformat.
Und so findet man die passende Veranstaltung: Der einfachste Weg führt über die regionale Suche. Begriffe wie Orientierungsfahrt, Gleichmäßigkeitsfahrt, touristische Oldtimer-Rallye oder Youngtimer-Tour in Kombination mit dem eigenen Bundesland liefern meist bessere Ergebnisse als die allgemeine Suche nach „Rallye“. Wer mehr Abenteuer und weniger Vereinsstruktur sucht, sollte zusätzlich nach Banger-Rallye, Low-Budget-Rallye, Roadbook-Rallye oder Abenteuer-Rallye suchen. Dort tauchen dann auch die kommerziellen Anbieter auf.
Fotos: BigMagTV






