Bertone Runabout 2026 – Erinnerung als Konstruktionsprinzip
Der Runabout beginnt nicht mit einer Marktfrage, sondern mit einer Skizze aus einer anderen Epoche. Ende der sechziger Jahre entstand bei Bertone ein Entwurf, der eher Denkmodell als Auto war: niedrig, offen, keilförmig, mit sichtbarer Technik und maritimen Anleihen. 1969 blieb diese Idee unvollendet. Der neue Runabout führt den damaligen Entwurfsgedanken fort und überträgt ihn in einen zeitgemäßen Rahmen.
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Statt Nostalgie zu verwalten, rekonstruiert Bertone die damalige Gestaltungslogik. Der Keil fungiert als räumliche Ordnung, die coda tronca als funktionales Ende einer fließenden Form. Die Linienführung entwickelt sich aus Volumen und Maß. Die Karosserie wirkt gespannt, fast architektonisch.
Zwei Karosserien, ein Gedanke
Der Runabout erscheint als Barchetta und als Targa. Beides sind keine Designvarianten im üblichen Sinn, sondern unterschiedliche Ausprägungen derselben Struktur. Die offene Barchetta legt den Fokus auf Raum, Licht und Nähe zur Mechanik. Die Targa fügt mit dem abnehmbaren Carbon-Dach eine zusätzliche Ebene hinzu. Radstand, Spurweiten und Überhänge bleiben identisch.
Technik mit klassischem Fundament
Unter der Hülle arbeitet ein quer eingebauter 3,5-Liter-V6 mit Kompressoraufladung. 475 PS bei 6.800 U/min, 490 Nm bei 3.600 U/min. Die Kraftübertragung übernimmt ein manuelles Sechsganggetriebe mit kurzen Wegen. Das Layout folgt einer Logik, die damals als Ideal galt: Mittelmotor, kompakte Abmessungen, direkte Anbindung an den Fahrer.
Das Chassis besteht aus verklebten Aluminiumprofilen, die Karosserie aus Carbon. Mit rund 1.057 Kilogramm Leergewicht bewegt sich der Runabout in einem Bereich, der heute fast exotisch wirkt. Die Leistungsdaten – 4,1 Sekunden auf 100 km/h, 270 km/h Spitze – sind dabei weniger Selbstzweck als Nebenprodukt eines ausgewogenen Gesamtsystems.
Innenraum als Struktur
Der Innenraum verzichtet auf dekorative Gesten. Die Sitzwanne ist tief ausgeformt, die Passagiere sitzen nahe an der Fahrzeugstruktur. Das Armaturenbrett zieht sich als horizontales Element durch den Raum und betont die Breite. In der Mitte ein einzelner digitaler Drehzahlmesser, ergänzt durch mechanische Schalter und einen offen geführten Schaltmechanismus. Aluminium, Carbon und Leder stehen im Vordergrund, jeweils sichtbar in ihrer Verarbeitung.
Ein nautischer Kompass im Zentrum des Cockpits verweist auf die Herkunft des Begriffs Runabout. Im Kontext dieses Fahrzeugs wirkt er weniger als Zitat, sondern als Hinweis auf Orientierung und Bewegung. Die Reduktion der Anzeigen schafft Ruhe, die Materialien sorgen für Tiefe. Der Innenraum funktioniert wie ein Werkzeug, das man mit allen Sinnen erfasst.
Aerodynamik
An der Front leitet ein integrierter S-Duct die Luft durch die Karosserie. Die Lösung verbessert Kühlung und Balance, ohne die Form zu belasten. Die Scheinwerfer greifen das Thema der klassischen Klapplichter auf, allerdings in zeitgemäßer Ausführung. Am Heck prägen vier rechteckige Öffnungen die Grafik, zwei davon führen die Abgase. Die coda tronca als logische Konsequenz der Volumenführung.
Die Seitenansicht zeigt eine extrem flache Haube, kurze Überhänge und geschmiedete Aluminiumräder, deren Design direkt auf das Original verweist. Reifenformate und Fahrwerksgeometrie sind klar auf Präzision ausgelegt: Doppelquerlenker rundum, dreifach verstellbare Dämpfer, große Bremsen mit 343-Millimeter-Scheiben.
Coachbuilding als Prozess
Jeder der 25 Runabout entsteht in enger Abstimmung mit seinem Besitzer. Materialien, Farben und Oberflächen werden im Dialog mit dem Centro Stile definiert. Dieser Ansatz erinnert an die Zeit, in der italienische Karosseriebauer Autos als individuelle Objekte verstanden. Der Runabout knüpft an diese Tradition an.
Ein Auto aus der Vergangenheit, gebaut für heute
Der neue Runabout liest sich wie eine präzise Fußnote der Designgeschichte. Man erkennt die Referenzen, spürt die handwerkliche Linie und versteht, warum bestimmte Entscheidungen getroffen wurden. Der Runabout funktioniert als fahrbares Archiv – eines, das zeigt, wie viel Zukunft in der Vergangenheit steckt – wenn man sie versteht.
Fotos: Bertone

































