BRABUS 900 MINT: Wir müssen darüber reden
Wer beim zügigen Scrollen durch die Timeline nicht genau hinsieht, hält den BRABUS 900 Mint vom Tuner Brabus aus Bottrop erst einmal für einen Turnschuh. Irgendwas aus den Achtzigern, retro in Mintgrün. Dann korrigiert sich das Auge. Maßstab stimmt nicht. Proportion auch nicht. Das ist kein Sneaker, das ist ein Auto. Und nicht irgendeines, sondern ein überzüchteter Stier aus Italien, den ein deutscher Tuner nachgeschärft hat.
![]()
Ab hier scheitert das übliche Vokabular. „Gefällt mir“ greift nicht. „Geschmacklos“ auch nicht. Beides sagt wenig über das Objekt. Die sinnvollere Frage lautet nicht, ob man das schön findet, sondern was diese Farbe mit einem Fahrzeug macht, das normalerweise von Dunkelheit, Masse und Drohkulisse lebt.
Wenn Geschmack nicht weiterhilft, wie kann man dann über ein solches Auto sprechen? Möglicherweise hilft es, das Objekt durch die Brille jener zu betrachten, die sich ihr gesamtes Berufsleben mit genau solchen Fragen beschäftigt haben und deren Entwürfe das Automobildesign des 20. Jahrhunderts geprägt haben.

BRABUS 900 MINT Lamborghini Urus/Foto: Brabus
Marcello Gandini hätte den mintfarbenen Urus nicht aus Geschmacksgründen kritisiert. Sein Werk – vom Miura bis zum Countach – war nie freundlich. Form war Angriff, Geometrie ein Mittel der Provokation. Die Farbe wäre für ihn kein Problem. Das Risiko läge woanders. Mint nimmt Schatten, und Schatten waren bei Gandini kein Stilmittel, sondern Verstärker. Ohne sie muss die Form selbst gefährlich genug sein.
Wenn Breite, Keil und Volumen ohne optische Tarnung nicht mehr aggressiv wirken, wird aus Radikalität Dekoration. Dass der Urus auch innen konsequent in Mint ausgeführt ist, würde dieses Urteil weiter zuspitzen. Ein dunkler Innenraum hätte den Angriff relativiert und einen Rückzugsraum angeboten. Mint tut das nicht. Innen wie außen gibt es keinen Schutzraum, keine Entspannung der Geometrie. Aus Gandinis Perspektive wird Mint damit zum Belastungstest für das gesamte Objekt.

BRABUS 900 MINT Lamborghini Urus/Foto: Brabus
Giorgetto Giugiaro würde nüchterner reagieren. Für ihn war Design immer ein System aus Funktion, Klarheit und industrieller Logik. In dieser Denkschule ist Mint kein Affekt, sondern ein Werkzeug. Helle Farben machen sichtbar, was sonst kaschiert wird: unnötige Linien, überzeichnete Lufteinlässe, visuelle Redundanzen. Besteht das Fahrzeug diesen Test, ist die Farbe legitim. Scheitert es, ist nicht der Lack das Problem. Im Innenraum wird diese Logik erst vollständig.
Mint macht Ordnung, Übergänge und Wiederholungen sichtbar. Steppungen verlieren ihr Luxusversprechen und werden zu einem Raster; Flächen lassen sich nicht mehr emotionalisieren, sondern nur noch organisieren. In Giugiaros Lesart wird der Urus damit konsequent zum technischen Objekt – nicht „gefällt mir“, sondern die Frage, ob das System als Ganzes schlüssig ist, außen wie innen.

BRABUS 900 MINT Lamborghini Urus/Foto: Brabus
Bruno Sacco würde die Diskussion verlangsamen. Seine zentrale Frage wäre nicht, ob Mint funktioniert, sondern wann es aufhört zu funktionieren. Design ist für ihn immer auch eine Verpflichtung gegenüber der Zukunft. Farbe ist keine Laune, sondern eine Entscheidung, die man Jahre später noch vertreten können muss. Ein Fahrzeug dieses Kalibers ist kein Wegwerfobjekt, es trägt Bedeutung über Dekaden.
Außen kann man Mint wechseln. Innen lebt man darin. Abnutzung, Patina, Alterung – all das bleibt sichtbar. Mint ist keine Farbe, die verzeiht oder würdevoll verblasst. In dieser Logik ist Mint eine bewusste Wette: gegen das Altern, gegen veränderte Codes, gegen den Wunsch nach Rückzug.

BRABUS 900 MINT Lamborghini Urus/Foto: Brabus
Was bleibt, ist ein Rollenwechsel. Der mintfarbene Urus ist kein Provokationsobjekt mehr, sondern ein Diagnosetool. Er misst nicht Geschmack, sondern Konsequenz. Und er zeigt, wie viel Substanz hinter heutigen Performance-Versprechen steckt, wenn man ihnen – außen wie innen – den Schutz dunkler Farben entzieht.
Fotos: BRABUS























